Rezensionen zu Heinz Schilling: Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs

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Luther – Reformator zwischen Einsicht und Angst

Endlich gibt es eine zeitgemäße Biografie des evangelischen Reformators, der eigentlich gar keine Kirche gründen wollte. Sie räumt endlich auf mit dem Mythos vom lutherischen Übermenschen.
Hans Maier in Die Welt vom 27.11.2012

Luther, der rabiate Glaubensgärtner

„Über Heinz Schillings aufsehenerregende „Luther“-Biografie, die zeitgenössische Aggression gegen den Glauben und den Rücktritt des Papstes.“

Matthias Matussek auf Die Achse des Guten am 1.3.2013

Euch zur Freude – aber nicht, wie es euch gefällt! – Über Gottes Ordnungen und Gottes Gnade

Mathias Eberle, 20.02.2011

Die neu auflebende Diskussion um das Kirchenverständnis der Neuapostolischen Kirche nimmt gerade interessante Wendungen. In den letzten Tagen konnte man bei glaubenskultur Kommentare und Stellungnahmen in ungewöhnlicher Emotionalität lesen. Es fällt ein bißchen schwer, genau nachzuvollziehen, was der Knackpunkt der Debatte eigentlich ist, wofür genau denn die Unterstützer jener Petition oder jenes Artikels stehen, der auf dieser Seite veröffentlicht ist. Dieser Artikel will versuchen, die verschiedenen Argumentationsstränge der Debatte zu reflektieren.

1. Über das Amt

Der Aufhänger für die hier stattfindenden Diskussionen dürfte, wie es glaubenskultur (http://glaubenskultur.de/artikel-1407.html) wiedergibt, ein Rundschreiben des Hannoveraner Bezirksältesten Thomas Feil sein. Er schreibt dort (zitiert nach dem erwähnten Artikel):

„In der Sonderausgabe [der Zeitschrift „Leitgedanken“ der Neuapostolischen Kirche, d.A.] wird zum einen darauf verwiesen, dass in anderen christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften kein geistliches Amt wirkt, und zum andern erklärt, dass in anderen christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften Heiliges Abendmahl mit der wahren Gegenwart von Leib und Blut Jesu Christi nicht gefeiert werden kann. Formuliert wird dies unter anderem in den Ausführungen auf Seite 5 mit dem Hinweis, dass nur dort, wo das Apostelamt wirkt, das geistliche Amt und die rechte Verwaltung der drei Sakramente vorhanden ist.“

Zunächst stellt der letzte Satz eine unzulässige Verkürzung dar. Dieser Hinweis findet sich nicht in dieser Form auf der zitierten Seite. Stattdessen steht dort zunächst:

„Wo das Apostelamt in der Einheit mit dem Stammapostel, der den Petrusdienst versieht, vorhanden ist, gibt es das geistliche Amt und die rechte Verwaltung der drei Sakramente.“ (Leitgedanken SN 2/2011, S. 5)

Dies ist eine rein positive Formulierung. Es ist logisch unzulässig, daraus zu folgern, dass dies nur dort gilt, wo das erwähnte Kriterium gegeben ist – das steht hier nicht. Allerdings, das ist richtig, wird in der Folge auf die Kirche ohne Apostel reflektiert:

„In der apostellosen Zeit wirkte das geistliche Amt nicht, doch gab es verschiedene Dienste, die für die Predigt des Evangeliums und die Ordnung in der Gemeinde sorgten.“ (Leitgedanken SN 2/2011, S. 5)

Warum nun diese so scharf anmutende Formulierung? Wie kann man sich denn aus einer fundamentaltheologischen Sicht sicher sein, dass in dieser Zeit kein geistliches Amt wirkte? Nun, ganz einfach:

„Diese Funktionen kann, soweit dies die Bibel offenbart, niemand außer Aposteln erfüllen, und denen, die unmittelbar und persönlich von ihnen bevollmächtigt sind. Den Aposteln wurden diese Pflichten vom Herrn selbst anvertraut. … Apostel sind die Fundamente (sic!) der Kirche (…), nicht von dieser oder jener Kirche, sondern von der einen, heiligen, katholischen Kirche, die eben deshalb apostolisch ist, der Grund auf den die lebendigen Steine gebaut werden sollen und das ewige Mittel, mit dem der Bau des lebendigen Tempels, der Kirche, aufrechterhalten werden soll, in Einheit von Geist und Leben, Lehre und Verwaltung.“ (Testimonium, Abschnitt 37, eigene Übersetzung)

Es hätte den Autoren des erwähnten Artikels sicher besser angestanden, zu erklären, woher denn ihr Verständnis von Kirche und Amt kommt. Dieses Verständnis ist aber essentiell katholisch-apostolisch, es ist geradezu fundamental-apostolisch. Leider wird in dem Leitgedanken-Artikel die Rolle der in der Nachfolge der Apostel (apostolische Sukzession) stehenden katholischen Kirchen nicht reflektiert. Diese Gemeinschaften haben in Lehre und Leben, aber auch im Amtsverständnis noch viel von der ursprünglichen Katholizität der Kirche, ihrer Traditionen und Liturgie erhalten. Es bleibt auch unklar, wie es sich mit der Lehre apostolischer Gemeinschaften verhält, die an der Tradition der Apostolischen festgehalten haben, aber eben nicht mehr in Einheit mit dem Stammapostelamt bestehen.

Zusammengefasst muss man aber klar feststellen: Das hier wiedergegebene Amtsverständnis ist keine willkürliche neuapostolische Sonderlehre, wie es in manchen Beiträgen dargestellt wird. Es ist der Tradition der katholisch-apostolischen Gemeinden verbunden.

Nun könnte man mit Steffen Liebendörfer bei glaubenskultur fragen: „Wen interessierts?“ Was geht uns denn unsere eigene Grundlagentheologie an? Ich glaube, sehr viel – denn sie ist die Basis, auf der wir uns bewegen. Selbstverständlich kann man willkürlich Elemente aus der Lehre herauspicken, sie ablehnen oder ihr zustimmen. Die grundsätzlichen Festlegungen über die Lehre der apostolischen Gemeinschaften stehen aber. Sie sind, um es ganz klar zu machen, nicht 2010 oder 1955 oder 1863 oder wann auch immer getroffen worden – die Grundlage der apostolischen Theologie ist nach wie vor das Zeugnis der Apostel, das Testimonium.

2. Über die Sakramente

Kommen wir nun zum zweiten Einwurf des Bezirksältesten, den der Sakramentsverwaltung. Sehr spannend scheint mir, dass er in diesem Zusammenhang lediglich auf das Abendmahlsverständnis reflektiert, die Frage der Versiegelung, die ja inhaltlich noch viel spannender ist, aber unerwähnt lässt.

Sprechen wir also über das Abendmahl:

„Das Heilige Abendmahl wurde nur noch als Gedächtnis-, Gemeinschafts- und Dankesmahl gefeiert, während die wahrhafte Gegenwart von Leib und Blut Jesu nicht mehr zustande kam. Durch die Wiederbesetzung des Apostelamtes wurden diese Mängel behoben.“ (Leitgedanken SN 2/2011, S. 6)

Es ist an dieser Stelle kaum mehr überraschend, worauf man verweisen muss, will man dieses Abendmahlsverständnis erklären:

„Aber diese heiligen Rituale [die Sakramente, d. Ü.] können gemäß dem Gesetz der göttlichen Kirche nur von denen verwaltet werden, die dazu die Amtsbefugnis erhalten haben. Und diese Befugnis kann nur vom Herrn Jesus Christus ausgehen, entweder direkt oder durch die, die er diese Befugnis erteilen lässt.“ (Testimonium, Abschnitt 28, eigene Übersetzung)

Auch hier hätte dem Leitgedanken-Artikel eine kleine Reflektion über die Sakramente in Gemeinschaften mit apostolischer Sukzession gutgetan. Grundsätzlich leitet sich das Sakramentsverständnis aber aus dem Amtsverständnis ab, welches sich wiederum auf das Kirchenverständnis stützt. Es ist demzufolge logisch schlüssig, so zu argumentieren, wie es in den Leitgedanken geschieht.

3. Über die Ordnungen der Kirche

Kommen wir nun zum Kern des Arguments. Es geht ja hier nicht wirklich um das Verständnis von Kirche, Amt und Sakrament. Sonst könnte man den Ältesten und seine Unterstützer fragen, was sie denn bisher verkündet haben – wollen sie etwa das alte Kirchenverständnis („die NAK ist die Kirche Christi“) weiterhin verkünden? Oder hat sich jeder sein eigenes kleines Kirchenverständnis zurechtgelegt? Aber das ist nicht das Problem.

Im Kern geht es vielmehr um die Frage, inwieweit für uns Apostolische die „Ordnungen Gottes“, um den katholisch-apostolischen Begriff zu gebrauchen, bindend sind. Wenn Feil schreibt:

„Aus meiner Sicht darf es in mündlichen oder in schriftlichen Äußerungen der Kirche und ihrer leitenden Amtsträger keinen Zweifel geben, dass die Souveränität Gottes in all seinen Entscheidungen über allem steht.“

hat er recht, das würde auch kein Christ bestreiten, er schießt aber am Problem vorbei. Gott entscheidet nach apostolischem Glauben nicht irgendwann später einmal darüber, sondern hat schon, zum Beispiel in den Paulusbriefen, die Grundlagen seiner Kirche gelegt. Diese Grundlagen manifestieren sich im apostolischen Amt und prägen wiederum die Traditionen der christlichen Kirche:

„Gott ändert sich nicht. Und der Charakter der Kirche kann sich nicht stärker ändern als sein Charakter, der er sie in all ihren Elementen errichtet hat. … Und keine Versammlung, Gesellschaft, Vereinigung oder Körperschaft, wer sie auch ist oder wie sie auch heißen mag, ist die Kirche Christi nach seiner Erwägung und Bestimmung, außer sie entspricht der Beschreibung, die er von ihr gegeben hat.“ (Testimonium, Abschnitt 30, eigene Übersetzung)

Es ist also keineswegs so, dass die Wirksamkeit von geistlichen Ämtern, der Sakramente, schlechthin einfach alles Heilige der Kirche beliebig wäre. Wir Apostolischen glauben, dass Gott für die Vollendung seiner Kirche Ordnungen gegeben hat, die sich nicht ändern.

Feil verlässt mit seiner Argumentation, vielleicht noch unbewusst, den Raum der Apostolischen und argumentiert freikirchlich. Ist dann nicht alles verhandelbar, alles beliebig, alles irgendwie Gottes Gnade anbefohlen? Aber die Grundlage fehlt völlig – denn auf die Bibel beruft er sich auch nicht. Was er tut, mag wie ein kleiner Schritt scheinen – es ist aber in Wirklichkeit ein großer Sprung in die Beliebigkeit. Das wäre es im Übrigen auch für alle anderen Christen, die den katholischen Kirchen angehören und sich den apostolischen Ordnungen der alten Kirche verbunden fühlen.

4. Literaturempfehlungen

Ludwig Albrecht: Abhandlungen über die Kirche, besonders ihre Ämter und Gottesdienste. Ein biblisches Glaubensbuch. 280 Seiten. Erschienen u.a. im Verlag Dr. R.-F. Edel, .

[R. F. Edel:] Das Apostelamt nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift und der Väter der Katholisch-Apostolischen Gemeinden. 240 Seiten, 19,90 €, .

Francis Sitwell: Licht zur Abendzeit. 286 Seiten, 14,90€, http://www.oculi-verlag.de/page2/page5/page5.html.

Heinrich W.J. Thiersch: Inbegriff der christlichen Lehre. Ein biblisch-apostolisches Glaubensbuch. Die aktuelle unveränderliche Grundlage unseres Glaubens und Lebens. 372 Seiten. Erschienen u.a. im Verlag Dr. R.-F. Edel,

Mathias Eberle

Irrtümer, Verwirrung, Unverständnis – Ein apostolischer Blick auf das Kirchenverständnis der NAK

Mathias Eberle, 13.02.2011

Die im Magazin glaubenskultur im Februar 2011 wieder aufgeflammte Diskussion um ein neues Kirchenverständnis in der NAK kommt zu diesem Zeitpunkt etwas überraschend. Schon im Juni letzten Jahres wurde eine, wenn auch etwas allgemeinere, Debatte mit Blick auf die neuen Glaubensartikel und das dort enthaltene Kirchenverständnis geführt. Damals konstatierte der Artikel „Kleinster gemeinsamer Nenner“ (T. Andrä):

„Einen ’Aufschrei der Enttäuschung’, wie von manchen im engeren Führungskreis der neuapostolischen Kirchenleitung zunächst befürchtet, werden die nun vorab bekannt gewordenen „neuen Glaubensartikel“ sicher nicht auslösen. Vielmehr ist es wohl ein „nachdenkliches Seufzen“, das einen bei der Lektüre der lediglich marginal veränderten Glaubensartikel überkommt.“

Auch der Autor dieses Beitrags hatte sich damals zu den geänderten Glaubensartikeln geäußert und in dem Beitrag „Ein großer Schritt“ ein deutlich positives Resümee gezogen:

„Die neuapostolischen Christen bekennen nun, wie alle Christen, den Glauben an die eine, heilige, allgemeine (katholische) und apostolische Kirche. Und damit ist – zum ersten Mal in der neuapostolischen Dogmatik – nicht mehr nur die Organisation Neuapostolische Kirche gemeint. Die Kirche Christi ist nach den vorliegenden Erläuterungen zum dritten Glaubensartikel „die Versammlung derjenigen, die getauft sind, ihr Leben in der Nachfolge Christi führen und Jesus Christus als ihren Herrn bekennen.“

Doch was ist eigentlich genau die Fragestellung in der aktuellen Debatte, wenn ein halbes Jahr später exakt dieselbe Haltung als „neuapostolische Arroganz“ und „exklusiv“ bezeichnet wird, die Neuapostolische Kirche mithin als vom „Fundamentalismus-Zeitgeist“ gelenkt dargestellt wird? Wenn in der Diskussion konstatiert wird: „Noch nie hat sich die neuapostolische Kirche so deutlich zu der „einen“ Kirche bekannt zu der sie dazugehört; aber auch noch nie hat sie sich so deutlich und lehrverbindlich selbst über andere erhöht.“?

Diese Aussagen kommen gelegentlich platt daher, und treffen nach Meinung des Autors auch inhaltlich nicht den Kern der Auseinandersetzung.

Es ist in diesem Zusammenhang für alle Apostolischen empfehlenswert, einmal wieder ihr eigenes Grundlagenpapier, das Testimonium der Apostel, zu lesen. Die Grundidee der Apostolischen, ihre konstituierende theologische Aussage, ist nicht einfach, dass es die (apostolischen) Apostel brauche, weil das eben so sei und nur so sein könne. Das Testimonium beschäftigt sich stattdessen ausführlich mit dem Zustand der christlichen Kirche. Es stellt fest, dass die allgemeine Kirche in einem schlimmen Zustand des geistlichen Verfalls gefangen ist und die einzelnen Gemeinschaften („Sekten“ schreiben die Apostel) die grundsätzlichen Wahrheiten der ersten Zeit vergessen oder verworfen haben:

„Eben weil die Menschen diese Dinge vergessen haben, findet man heute die Menge der Getauften zerrissen und in tausend Sekten gespalten, voneinander äußerlich getrennt in ihren Verwaltungsstrukturen und ihrem Gottesdienst, in ihren Lehren und ihrem ganzen Geist. Sie beißen und vertilgen sich gegenseitig und sind bereit, sich zu vernichten. Und sie sind entweder zufrieden, dass es so ist, und erkennen weder den Leib des Herrn, der eins ist, noch die Schuld der Spaltung. Oder sie belegen alle außer sich selbst mit dem Kirchenbann und lassen sie als Verdammte umkommen und vergessen den brüderlichen Bund und den heiligen Namen, der allen Getauften gegeben ist.“ (Testimonium, Abschnitt 9, eigene Übersetzung)

Zu allgemein? Unklar? Lassen wir es konkreter werden:

„Unter den Priestern selbst gibt es jede Variante und Form von Meinungen zu Lehre und Kirchenzucht. Sogar die Einheit der römisch-katholischen Kirche ist nur ein leeres Wort. Außerhalb der engen Grenzen, in die sie sich durch ihre Bannflüche selbst eingeschlossen hat, haben die griechischen und protestantischen Kirchen so viele Mitglieder wie sie selbst. Und im Inneren beschränkt sich diese Einheit nur auf die Glaubenssymbole und äußerliche Rituale des Gottesdienstes. Sogar in diesen Dingen erlaubt die römisch-katholische Kirche Unterschiede (wie in vielen „griechisch-unierten“ Körperschaften), während es im Kern des Klerus so viele Abweichungen und Trennungen gibt wie überall sonst, was dadurch nicht besser wird, dass diese unter einem Deckmantel der Einheit nach außen hin verborgen werden.“ (Testimonium, Abschnitt 9, eigene Übersetzung)

Kirchenkritik? Apostolische Lehrbasis! Ja, es ist so: Die Apostolischen lehren den Verfall göttlicher Ordnungen in den unterschiedlichen christlichen Gemeinschaften. Das stellt die ökumenische Debatte vor Herausforderungen. Denn der ökumenischen Bewegung und den Apostolischen ist prinzipiell (d.h. dogmatisch) gemein, alle Christen der Welt einen zu wollen. Die Mittel, die sie dafür vorsehen, sind aber grundverschieden. Die Apostolischen (und bei weitem nicht nur die NAK) haben in der Vergangenheit häufig Gespräche und Verhandlungen zurückgewiesen. Dies geschah nicht nur aus menschlichem Dünkel, sondern eben auch aus dem skizzierten dogmatischen Grund.

„Doch wenn der gesalbte König oder der gesalbte Diener Gottes sogar absichtlich der Boshaftigkeit dieser letzten Tage gesellschaftlicher und religiöser Zügellosigkeit zustimmt, wenn er aus einem falschen Grundsatz der Anpassung an die öffentliche Meinung heraus, oder um kurzfristig Ruhe zu haben, zugibt, dass seine Stellung nicht aus der göttlichen Ordnung kommt und das Volk als Ursprung ihrer Macht anerkennt, oder sein Amt im Gehorsam auf die sich immer wieder ändernde Stimme des Volkes ausübt, wenn die Priester Gottes zustimmen, nicht als Ämter der einen Kirche, sondern als Diener einer der vielen Sekten zu arbeiten, die in den Tempel aufgenommen sind, und deren Götzenbild unter den Bildern der Vielgötterei dieser Zeit seinen Platz gefunden hat, wenn die Herrscher des Staates die Macht, die Gott ihnen übertragen hat, vor der angemaßten Herrschaft des Volkes verstecken und nicht nach Gottes ewigen Gesetzen herrschen, sondern durch vermeintliche Berechnung, immer sprunghaft, weil sie von den launenhaften Volksbewegungen abhängig sind, wenn manche in diese tödliche Falle gefallen sind und ihre Verdorbenheit nicht bereuen und nicht, soweit sie es legitim und frei tun können, den Irrtum ihres Weges korrigieren, und nicht auf Gott schauen, um sie zu befreien, soweit sie sich an die haben fesseln lassen, über die sie herrschen sollen, dann hat die Krankheit wirklich das Zentrum des Lebens erreicht. Gott wird nicht nur verwerfen, sondern sogar verraten, und er kann nichts mehr tun, außer die Schalen seines verzehrenden Gerichts auszugießen.“ (Testimonium, Abschnitt 13, eigene Übersetzung)

Ganz konkret formuliert: Die Apostolischen haben immer an eine Einigung und Sammlung der ganzen Kirche durch Gott geglaubt. Menschliche Bemühungen darum bewerteten sie manchmal sogar grundsätzlich wohlwollend, lehnten sie aber aus diesem dogmatischen Grund ganz grundsätzlich ab.

Die Vorstellung, die NAK sei heute exklusiver oder theologisch verblendeter als es die Apostolischen im 19. Jahrhundert waren, ist irreführend und falsch. Sie scheint auf einem verengten Fokus auf die NAK der letzten 50 Jahre zu beruhen, wo es in der Tat wenig dogmatische Grundlagen gab, und auf einem idealisierten Bild der frühen Apostolischen. Immer schon haben die Apostolischen den Zweiklang gelehrt, der oben mit „noch nie“-Klauseln als neuartig dargestellt wurde: Die schon vollkommene Gemeinschaft aller Getauften in der allgemeinen Kirche – und die Sendung der Apostel als diejenigen, die Gottes Ordnungen wiederherstellen:

„Sie sollen die Häupter unter Christus und die höchsten Regenten der katholischen [allgemeinen] Kirche sein. Sie sollen Quellen und Lehrer der kirchlichen Glaubenslehre sein. Und zuletzt sollen sie den Heiligen Geist durch ihre Handauflegung spenden, zur Versiegelung aller Gläubigen oder um die Ämter im Haus Gottes einzusetzen. Und in der dritten und letzten dieser Aufgaben sind die ersten beiden praktisch enthalten. Denn die Ordnungen, durch die der Heilige Geist der Kirche gegeben wird, durch die Salbung von Gottes Priestern, durch die Versiegelung und Konfirmation der Heiligen und die Gewährung der Gaben des Heiligen Geistes an jeden einzeln, wie der Geist will, können keine anderen als diejenigen sein, durch die diese Ämter und alle äußeren Verwaltungsangelegenheiten gelenkt werden und der Sinn der Kirche geleitet und unterrichtet wird. Diese Funktionen kann, soweit dies die Bibel offenbart, niemand außer Aposteln erfüllen, und denen, die unmittelbar und persönlich von ihnen bevollmächtigt sind.“ (Testimonium, Abschnitt 37, eigene Übersetzung)

Der Autor dieses Beitrags hat mit großer Nachdenklichkeit einen Satz eines apostolischen Diakons behalten, der lautete: „Wahre Ökumene ist nur unter Aposteln möglich.“ Wer dies als „hanebüchenen Unfug“ (Christian Ruch bei christ-im-dialog.de) abtut, beweist nur, dass er selbst wenig von den Apostolischen und ihrer Dogmatik verstanden hat. Wer schlechthin äußert, die NAK habe ihr Kirchenverständnis ja quasi nur bei den Katholiken abgeschrieben, demonstriert seine völlige Unkenntnis apostolischer Theologie und der hier wichtigen historischen Quellen.

Der Ruf „Ad fontes – zu den Quellen“ sollte auch diese Debatte wieder zur Sachlichkeit führen. Sicher gibt es innerhalb der NAK enttäuschte Erwartungen über diese skizzierte Haltung. Sie ist aber theologisch weder neu noch extrem. Insbesondere sollten sich diejenigen Disputanten, die zuvor den katholisch-apostolischen Gemeinden einen hohen Wert für die ökumenische Bewegung bescheinigten, einmal fragen, ob ihnen klar ist, was sie da sagen. Nein, die historischen Apostolischen sind durchaus keine weichgespülte Vorläuferbewegung der Ökumene, die dann später von einigen Hardlinern etwa zu einer „exklusiven Endzeitkirche“ gemacht wurde. Sondern es gibt bei allen theologischen und personellen Brüchen dogmatische Linien, die sich durch die Geschichte der Apostolischen ziehen. Und ohne, sagen wir es umgangssprachlich, ohne geht auch nicht.

Mathias Eberle

Ein großer Schritt!

Runderneuert – die neue NAK hat nun eine Menge KAG unter der Haube.

Die neuen Glaubensartikel der NAK sind an dieser Stelle schon kommentiert worden. Die bemerkenswertesten Änderungen finden sich dabei gut verborgen in den Erläuterungen. Es hat sich einiges getan in der NAK.

1. Kirchenverständnis

Die neuapostolischen Christen bekennen nun, wie alle Christen, den Glauben an die eine, heilige, allgemeine (katholische) und apostolische Kirche. Und damit ist – zum ersten Mal in der neuapostolischen Dogmatik – nicht mehr nur die Organisation Neuapostolische Kirche gemeint. Die Kirche Christi ist nach den vorliegenden Erläuterungen zum dritten Glaubensartikel „die Versammlung derjenigen, die getauft sind, ihr Leben in der Nachfolge Christi führen und Jesus Christus als ihren Herrn bekennen.“ Hallelujah! Das ist einer der wesentlichen inhaltlichen Punkte, die immer von den Kritikern der NAK gefordert wurden. Wir haben nun ein katholisch-apostolisches Kirchenverständnis! Dass sowohl die Brautgemeinde als auch die von Gott Erwählten („Gotteskinder“) darin nach wie vor eine Sonderstellung einnehmen, entspricht den katholisch-apostolischen Lehrtraditionen, ist also in diesem Rahmen kein Widerspruch. Setzt sich dieses Kirchenverständnis auch im Katechismus durch, ist eine ganz wesentliche Hürde auf dem Weg in den ökumenischen Dialog beseitigt.

2. Taufverständnis

Das Taufverständnis der NAK war in den vergangenen Jahren seit dem „Uster-Abend“ Gesprächsthema, das damals formulierte Konstrukt „erstes Näheverhältnis“ wurde als unbefriedigend empfunden. Auch hier lohnt nun der tiefere Blick in die Erläuterungen zum sechsten Glaubensartikel: „der Täufling [wird] in die Kirche Jesu Christi eingefügt […]; er wird also Christ.“ Diese Erläuterung gibt, was der Glaubensartikel selbst so (noch) nicht sagen kann: Die (Wasser-)Taufe, und nur sie, bewirkt die Christwerdung des Menschen. Wer die neuapostolische Dogmatik vor Uster kennt, kann einschätzen, was das für ein gewaltiger Schritt ist. Nach wie vor sprechen die Erläuterungen von einem „ersten Schritt“, die Formulierung ist aber deutlich weniger unbeholfen als bei Uster und passt sich dem Kirchenverständnis an: Ja, alle rite Getauften sind Christen, und diese machen die Kirche aus. Was für eine Freude, das auch als Neuapostolischer bekennen zu können!

3. Versiegelungsverständnis

Auch hier tut sich (im achten Glaubensartikel) für neuapostolische Christen Bemerkenswertes.
Zwar wurde, wie nicht anders zu erwarten war, das Konzept der Gotteskindschaft der Versiegelten beibehalten. Die Erläuterung dazu ist aber wiederum bemerkenswert: „Allerdings hat der Versiegelte die Erstlingsschaft noch nicht, sondern er hat durch die Geistestaufe dazu die Voraussetzung zu ihrer Erlangung erhalten. Der Glaubende kann, falls er dem Tag Christi zustrebt, dann zur Brautgemeinde […] gehören.“

Hier wird also theologisch klargestellt: Die Apostolischen besitzen durch die apostolische Handauflegung/Versiegelung zwar ein besonderes Sakrament, dass die Voraussetzungen für die Erstlingsschaft schafft. Ein Freifahrtschein ist dies aber ausdrücklich nicht, was hier nun auch dogmatisch festgeschrieben wird. Die Voraussetzung zur Zugehörigkeit zur Brautgemeinde ist „in der Nachfolge Christi zu bleiben und sich durch Wort und Sakrament auf die Wiederkunft Jesu Christi vorbereiten zu lassen.“ Von einer Kirchen(abteilungs)zugehörigkeit ist hier nicht die Rede. Auch hier zeigt sich, dass sich offenbar einige Theologen und Entscheider mit der Materie beschäftigt und die katholisch-apostolischen Positionen zum Thema zumindest überdacht haben.

4. Fazit

Die in den Glaubensartikeln skizzierte Religionsgemeinschaft ist nicht mehr die NAK der fünfziger (oder auch neunziger) Jahre. Zum ersten Mal seit der Zeit der allgemeinen christlich-apostolischen Mission (AcaM) scheint eine schlüssige und klare Dogmatik in Reichweite. Eine Spaltung der NAK oder auch nur tiefergehende Auseinandersetzungen schaffen sie nicht, die diesbezügliche Angst der Kirchenleitung ist unbegründet.

Die NAK ist auf dem Weg, die Apostolischen als konfessionelle Gruppe neu zu beleben, ihr Profil zu schärfen und damit selbstbewußt in den ökumenischen Dialog zu treten. Die an manchen Stellen erkennbaren Zugeständnisse an die konservativen Blockierer sind dabei ein notwendiges Übel. Insofern sind die hier vorliegenden Glaubensartikel – bei allen noch offenbleibenden Fragen und politischen Kompromissen – in der Tat die besten überhaupt denkbaren. Eine reife Leistung!

Mathias Eberle